„Es gibt wegen der Krabbeltiere aus Draht immer zwei Fragen an mich, die witzig sind: Wozu kann man sie gebrauchen? Die zweite Frage: Wie lange hat es gedauert, sie zu bauen?“ Wenn mich einer fragt, wofür kann man die Maschinen denn praktisch gebrauchen, dann sage ich: für Pioniere bei der Bundeswehr.“ Franz Otto Kopp im Gespräch Dezember 2010

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere aus der norddeutschen Tiefebene noch daran, dass es auf NDR ein Format gab, das „Typisch!“ hieß. Eine Welt mit Local Heroes, wie Besitzern von Second-Hand-Läden, markigen Kiosk-Betreibern, lauten Marktschreiern. Kurzum: Kleine Leute mit gewissen Spleens. Aber trotzdem echt und voll sympathisch, aus dem Volk, mit Schnauze, wie der Berliner sagen würde. Damals versuchte ich Franz Otto Kopp Winfried S. (Name geändert) schmackhaft zu machen, und habe ihn für das Format vorgeschlagen. S. war erstmal aufgeschlossen und interessiert, wie das in der Branche so üblich ist. Er hatte für das Format „Typisch“ schon den einen oder anderen Beitrag als freier Mitarbeiter für den NDR geleistet. Entweder war der Franz Otto Kopp für ihn keine wirkliche Type oder der Kopp war einfach nicht sein Typ. Er begründete es mit der Zielgruppe des Formats. Der Mann sei ja durchaus interessant, führte er aus, aber doch zu intellektuell und nicht zugänglich genug. Ob der zuständige Redakteur, das auch so gesehen hätte? Hat S. es dort auf den Tisch gelegt, das täte mich schon interessieren, denn nachgefragt hatte ich nie. Ich habe S. vertraut und gab das Vorhaben bereitwillig auf, auch wenn ich selbst von dieser Aufgabe nicht überzeugt gewesen bin. Das war im Jahr 2011. Eine Zeit, irgendwo zwischen 9/11 und Corona und mittendrin das Sommermärchen, das aufgetischte Märchen der Medien als sich die BRD aus vielfältigen Gründen zurückentwickelte durch Hartz IV, Finanzkrise, Geopolitik. Einiges davon ploppte im unseren Gespräch auf.
Franz Otto Kopp hatte ich 2010 kennengelernt als wir für den todkranken Schlagzeuger Rüdiger Klose (u.a. 39 Clocks Exit Out, The Cocoon, Kastrierte Philosophen und Dakota), gerade mal 58 Jahre alt, eine Performance umsetzen sollten, unter dem Motto: „Walking Wonders – Colotomix“ – im Kino im Sprengel. Die Walking Wonders waren nichts anderes als die Schreitmaschinen von Kopp. Es war Rüdigers letzter Wunsch, dass wir nach seinem Tod, diese Idee unbedingt ohne ihn umsetzen sollten. Das war dann im Oktober 2010. Ich hatte mir für meine kleine Kamera eine Konstruktion mit Rollen angefertigt angebracht, befestigt an einem langen Stock, sodass ich die Maschinen händisch und ganz nah verfolgen konnte, aus der Bodenperspektive. Die Maschinen bewegten sich auf einem großen Tisch führungslos hin und her, direkt vor der Leinwand. Es gab eine Band, die dazu spielte. Die Aufnahmen der Kamera wurden direkt in ein analoges Mischpult gespeist, von da über den Beamer direkt auf die Landwand projiziert, im Sinne einer Live-TV-Übertragung. Die Schreitmaschinen wurden dadurch um Faktor 20 hochskaliert und waren bigger than life. Und das alles mit einer vorsintflutlichen Technik, die Rüdiger genau so gewollt hatte. Ein Jahr später hatte ich Franz zu Hause besucht, in seiner Butze, in der Südstadt. Er war mittlerweile selbst gesundheitlich stark angegriffen, was ich erst kurz vorher erfuhr. Aber er war immer noch vital und klar im Kopf. Ich ließ eine kleine Kamera mitlaufen, die ich einfach auf dem Tisch abstellte, um die Aufnahmen Winfried S. später zu zeigen. Jetzt oder nie, dachte ich mir damals, es war noch Zeit. Der Arbeitstitel war „Herz aus Draht“ – es gäbe auch heute keinen besseren Titel. Ein perfekter Titel. Wir beide simulierten eine Interview-Szene, als wenn es schon das endgültige Format wäre, so kam es dann auch. Es wurde endgültig.
Über Jahre verschwand das Band im Archiv, denn es blieb bei diesen ersten und letzten Aufnahmen. Das Bild wurde nicht ausgeleuchtet, der Ton über das eingebaute Mikro war miserabel uns sehr störanfällig und die Kadrage spielte eine untergeordnete Rolle. Für den Zweck, den die Aufzeichnung hatte, war das ja auch unerheblich. Aber was soll ich sagen: Es gibt keine anderen Videos, zumindest mir nicht bekannte. 2015 ist Franz Otto Kopp dann verstorben und damit die Chance mit ihm zu drehen. Es gibt einen Nachruf, der mit Akribie geschrieben ist, besonders die Schreitmaschinen werden getriebetechnisch sehr ausführlich erklärt. Gerne wäre ich mit ihm in seine schwäbische Heimat gefahren, vor Ort sind Erinnerungen lebendiger. Ich hätte mit ihm Mähdrescher, Heubinder, Turbinen & Lokomotiven angeschaut. Er hat diese Maschinen verstanden, er hätte sie mir erklärt, diese nackte Getriebetechnik. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, an die Zeit der Werkstatt Odem in den 80er zu erinnern, wo er aktiv war. Suchergebnisse im Netz zur Odem selbst sind spärlich. Ein weiteres Beispiel aus der Kategorie Schublade. Ich hatte das Band damals roh geschnitten, um es Herrn S. schmackhaft zu machen, nun wird es einen bemerkenswerten Mensch posthum würdigen. Lieber zu viel als zu wenig war meine Devise nach aktueller Sichtung, es darf gerne auch mal Banales dazwischen sein und über Hund und Katze gesprochen werden. Ich habe versucht, den Ton und das Bild etwas zu verbessern, und hoffe, dass man den Mann jetzt größtenteils gut verstehen und sehen kann. Deshalb hier und jetzt – Franz Otto Kopp – Herz aus Draht – viel Vergnügen.

Kopp hat seinerzeit mit anderen zusammen die Rechenmaschine von Leibniz nachgebaut, über seine legendären Schreitmaschinen sprachen wir schon. Er träumte von einer Schreitmaschine, die in steilen Weinbergen ernten konnte, ohne den Boden zu zerstören. Seit einem Jahr gibt es tatsächlich solche Maschinen in den Hängen, aber natürlich nicht mit reiner Getriebetechnik ausgestattet. Da war er Purist durch und durch, nur reine Getriebetechnik wäre zulässig gewesen. Kopp hatte auch die Idee, eine eigene Rechenmaschine zu bauen, nur aus Draht – für gerade Zahlen die bis zu 32 Stellen hätten rechnen können.
Er hatte keine Tattoos. Er war intelligent und humorvoll. Im Rückblick betrachtet hatte Winfried S. recht behalten. Franz Otto Kopp war „Untypisch!“
Link: Nachruf auf Kopp und Loblied auf seine Schreitmaschinen
Franz Otto Kopp 1937 – 2015 Wikipedia
Persönlicher Nachruf auf Kopp von Dietmar Moews mit sehr vielen Details, die über den Wikipedia-Eintrag hinausgehen