22/09/2022

DAS GUTACHTEN

Ein Gastbeitag von Agnieszka Jurek

Hannover, zwischen dem 21. April und dem 23. Juli 2022. Parallel publiziert in der Black Box 305, August 2022

Auszug aus der Verwaltungsvereinbarung über die Deutsche Film- und Medienbewertung / Präambel:
„(…) Filme sind sowohl Kultur- als auch Wirtschaftsgüter. Bei der Begutachtung sind für die FBW ausschließlich die qualitativen Gesichtspunkte maßgeblich. Die FBW bewertet Filme und audiovisuelle Medien als Kulturgut.“

Bei meiner ersten Gutachter-Sitzung der Deutschen Film- und Medienbewertung in Wiesbaden 2017 war ich leicht aufgeregt. Nicht das Schloss hinterließ bei mir einen Eindruck. Ich habe für den Adel-Firlefanz nicht viel übrig. Nein. Aber der Sichtungskinosaal – der hat es in sich. Mit dunklem Holz ausgekleidete Wände, geräumig, altmodisch, in James-Bond-Manier. Cool. Man sitzt in sehr bequemen Ledersesseln, die sich wunderbar so verstellen lassen, dass man sich vollkommen auf das Schauen der Filme konzentrieren kann. Das FBW-Team, die Leinwand, der Sound – alles organisatorisch und technisch auf einem sehr hohen Niveau.

Schon nach der ersten Sitzungswoche habe ich verstanden, warum die Sessel möglichst bequem sein müssen. Am Dienstag sichteten wir von neun bis 19 Uhr, am Mittwoch von neun bis 19 Uhr, Donnerstag: von neun bis 18 Uhr, Freitag dann die letzten zwei Kurzfilme, danach ging es ab nach Hause. Ich war fix und fertig. Und richtig beglückt. Ich habe mehrere großartige Filme gesehen, interessante, manchmal fetzige Diskussionen nach jedem Film erlebt, danach abends mit anderen Juroren im Bootshaus am Rhein gegessen, vor laute Erschöpfung, bereits nach dem ersten Glas Wein, völlig angeschickert, ins Hotel-Bett gefallen, 100%ig geschnarcht.

So könnte es weiter gehen. Geht aber nicht.

So naiv und leidenschaftlich, wie ich dort begonnen hatte, so schnell tauchten die ersten Fragen auf. Kriegt hier keiner mit, was die Seeßlens, Reitzs, Kothenschultes schreiben?

Es kann alles anders, besser werden: ReFormen

Nun wird reformiert:
https://www.fbw-filmbewertung.com/zukunftsagenda_der_fbw

Ein paar Stichwörter in thematischen Auszügen: Aufbau eines breitenwirksamen Social Media-Marketings, Einbindung einer PR-Agentur (Imagekampagne, Markenstärkung), Neues Logo, Produktion eines FBW-Vorspanns für besonders wertvolle Filme… Die Gebührenordnung soll gerechter gestaltet werden. Die Jugend soll stärker gefördert werden…
Als Mutter von zwei Kindern sage ich dazu: Lasst uns lieber in den Kunstunterricht an Schulen investieren! Beim Personalmangel nicht als erstes Kunst ausfallen lassen, sondern lieber Religion! Das wird unseren Kindern gut tun! Die Freiheit des Individuums, eine gesunde Portion ziviles Ungehorsam und eine differenzierte Sicht auf die Welt müssen viel mehr Platz bekommen, als religiöse Dogmen oder die Anpassung an die Leistungsgesellschaft.

What about us?

Die Idee von objektiven Kriterien für die Filmbewertung ist illusorisch. Trotzdem, einen Versuch werde ich wagen, vorzuschlagen, wie auch die Juryarbeit reformiert und gerechter gestaltet werden könnte. Meiner Meinung nach wird das möglicherweise vielen FBW Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen, und dem ganzen Verfahren einen neuen Push geben. Ich stecke seit 25 Jahren mit einem Fuß im Filmemachen, und seit fünf Jahren, mit dem anderem, als Jurorin, in der Diskussion und Entscheidungen darüber, was ein „wertvoller“ und was ein „besonders wertvoller“ Film ist. Was ist ein Film ohne Prädikat wert? Für mich als Filmemacherin ist es ganz einfach: Bekomme ich kein „Besonders Wertvoll“, falle ich durch, und das Geld ist weg. Bekomme ich ein „Wertvoll“, fehlen mir die FFA-Referenzpunkte (Kurzfilm), um Fördermittel für die Realisierung eines neuen Films abrufen zu können.

Juryarbeit

In der „FBW-Zukunftsagenda“ lese ich folgendes: „Redaktionelle Beiträge (für Fach- und Publikumsmedien) zur Transparenz der Arbeit und der Juryentscheidungen“. An diesen Teil der FBW-Maschine, der in meinen Augen den eigentlichen Kern der Arbeit des FBW ausmacht, geht man nur sehr behutsam heran. Zu viel Eitelkeit, Größenwahn und Selbstüberschätzung. Die Zusammenstellung der Juroren (wer, wieso, warum, für wie lange), Abläufe bei Berufungen auf Länderebene, Abstimmungsverhalten, das Verfassen der Gutachten… Eine konstruktive Diskussion darüber halte ich für dringend notwendig.

1) Einige Juroren sind schon sehr lange bei der FBW. Manche sogar sehr, sehr lange. Viele erfüllen ihren Auftrag richtig gut! Oft war ich sehr beeindruckt von der Genauigkeit der Beobachtungen, von Filmwissen und Scharfsinnigkeit. Aber: Wäre es nicht sinnvoller, doch mehr Rotation zu wagen? Die Berufung auf z.B. sechs Jahre zu begrenzen? Auch für die, die richtig gut sind? Also wie ich! ;-D Selbstkritik muss wieder groß geschrieben werden. Ha! Das heißt, auch ich hab mit Sicherheit schon manchen Filmen mit einer bzw. keiner Stimme Unrecht getan.

2) Mehr Gewerke: Nach einem schnellen Überblick über die Gewerke der aktuellen Juroren (April 2022) komme ich auf:

Endauswertung (33): Festivalleitung/Orga 13, Kinoarbeit 18, Kulturmanagement 2;

Filmtheorie (18): Literaturexperten 2, Filmpublizist 1, Filmmuseum 2, Kultur-, Film-, Medienwissenschaftler 7, Filmkritiker 4, Filmanalyse 2

Macher (14): Produzenten 4, Stoffentwickler/Drehbuchautoren 3, Filmemacher 3, Filmemacher/Künstler 1, Webserienentwickler 1, Kamera 1, Szenenbild 1

Wirtschaft (13): Filmförderung 3, Wirtschaftsförderung 4, Diplom Volkswirt 1, Öko/Nachhaltigkeit 2, Filmverleih 2, Geschäftsführung 1;

Psychologie & Moral (6): Pädagoge/Jugend- und Psychotherapeut 5, Kirche 1

Ehrenwerte Senioren: (2) – manche Juroren sind in mehreren Feldern tätig.

Aus einer anderen Perspektive gesehen, also welche Bundesländer, welche Leute/Gewerke nach Wiesbaden schicken, wäre der Blick im Übrigen noch interessanter.

Nun: Es sind meiner Meinung nach zu viele Juroren, die sich nur theoretisch mit Film befassen. Ich fordere die Entscheidungsträger und Vorschlagsinstitutionen dazu auf, dass sie bei den Reformen auch die Jury-Arbeit einbeziehen. Mehr Gewerke in die Juryarbeit holen: Drehbuchautoren, Kameraleute, Editoren, Sounddesigner, Dramaturgen, Schauspieler… Für ein bis zwei Termine im Jahr wird auch ein selbständig arbeitender Filmemacher ein Zeitfenster finden. Die Diskussionen, die Bewertungen, die Gutachten, all das muss aus dem zum Teil extrem verkopften Blick herausgeholt werden. Sie müssen eine andere Lebendigkeit erfahren. Erfahrungswerte aus der Praxis müssen mehr berücksichtigt werden. Die, die tatsächlich Content denken/schaffen, leisten einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über eine Filmbewertung.

3) Mehr Strukturierung der Jury-Arbeit nach Filmgenre: Mein größtes Anliegen. Viele Vorschläge, die ich bisher eingebracht habe, schlummern. Hier also ein neuer Versuch, diesmal öffentlich, in der Hoffnung, dass sich da vielleicht doch endlich was tut.

Zu oft habe ich erlebt, wie wichtige, mutige Filme beim FBW-System im Nachteil waren. Die Frage, die mich seit längerem beschäftigt, zum Teil quält: Wie kann man die Bewertung so gestalten, dass die Einreicher das Gefühl haben, da haben auch Film-Genre-Fachleute mitentschieden…  oder waren wenigstens beratend bei der Abstimmung tätig: ’Emerging Artist‘ Jury, AG Animationsfilm Mitglieder, oder Festivalkuratoren, Auswahlkomissionen (Kurzfilmtage Oberhausen), die auf ihr Knowhow zurückgreifen können.

Die Arbeit der FBW-Jury muss m. E. über die Qualität der Vielfalt verfügen! Wenn ein Juror sich noch nie mit einem Experimentalfilm beschäftigt hat, kann er nicht nachvollziehen oder verstehen, dass es in diesem Genre einfach andere Kriterien gibt als im Spielfilm, auch wenn dieser sich oft am Experimentalfilm bedient.

4) Die künstlerische Freiheit, die Fortentwicklung der Filmkunst, der Filmsprache und der Filmästhetik müssen wieder großgeschrieben werden. Die Stimmung im Land ist (wie immer) angespannt. Das beeinflusst vieles. Auch die kulturelle Filmförderung. Welche Themen und Geschichten werden bevorzugt? Was „darf“ gemacht werden? Wie „sollen/dürfen“ die Filmfiguren sein? Wie „sollen“ sie aussehen? Welchen religiösen oder welchen ethnischen Hintergrund „sollen“ sie haben? Was „dürfen“ sie denken? Sind TV-Redakteure wirklich so mächtig? Oder sind sie nur mächtig im Ausbremsen guter Filmstoffe, aus Angst, ihren gut bezahlten Job zu verlieren…?

Und? Genau: Wiesbaden – am Ende der Produktionskette – bekommt dann die Ergebnisse zur Begutachtung.

Unterströmung erzeugen! Jetzt.

Wenn sich etwas an der Bewertung ändern würde, könnten wir eine Unterströmung erzeugen, und mehr für die Filmkultur tun, als wir momentan denken, wollen oder meinen tun zu können.

Welche Projekte bekommen durch das Prädikat zusätzliche, indirekte, aber wichtige Förderung, welche nicht? Bei wem ist das ein komfortabler „Dauerzustand“. Bei wem ist das anscheinend immer noch kontrovers?

Ich muss nicht mit allem hier recht haben, ich steige auch nicht überall durch, in dem Dickicht der Filmbranche-Verfilzungen, aber ich weiß, dass ich auf jeden Fall wenigstens zum Teil richtig liege. Und: Das habe ich mir nicht alles alleine überlegt. Vieles konnte ich bereits in den Diskussionen mit Jurymitgliedern direkt ansprechen und ausdiskutieren.

Juroren! Lasst uns Selbstkritik üben.
Wir tragen eine Verantwortung.
An die müssen wir immer wieder erinnert werden!

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Agnieszka Jurek studierte Bildhauerei an der Akademie der Künste in Poznań sowie Kunst und Film an der Hochschule Hannover, wo sie 2004 als Meisterschülerin bei Spielfilm-Regisseur Uwe Schrader abschloss.

©2022 Text – Agnieszka Jurek

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