11/11/2020

Warum ein Filmkunst-Konsulat? Darum!

Vieles im Bereich Film läuft falsch. Natürlich gibt es auf Filmfestivals unendlich Panels zum Thema. Aber werden bestimmte Forderungen etwas konsequenter formuliert, igeln sich die ganzen Verbände und Filmbüros sofort ein, anstatt uns zu unterstützen. Leider hängen auch sie am Tropf der öffentlichen Mittel.

Warum sind wir dann Mitglieder? Na, damit die Vereine legitimiert sind und in unserem Namen mit den Parteien etwas aushandeln können. Und da der aktive Teil des Vereins auf den Vorstand zusammenschrumpft, werden dort Interessen forciert, die leider zu oft in ihren eigenen Netzwerken landen. Das ist nicht als Vorwurf gemeint, aber am Ende das Resultat. Deshalb sollte man mindestens alle zwei Jahre den Vorstand dringend durchlüften bzw. austauschen.

Ich brauche ein Ventil bzw. ein Zimmer mit Aussicht, deshalb kam mir die Idee mit mit dem Filmkunst-Konsulat. Es könnte auch ein Verein sein, aber da bin ich mittlerweile sehr vorsichtig geworden.

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WARUM? DARUM!

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Der erste Lockdown hat uns allen Zeit geschenkt, über einiges nachzudenken, in Klausur zu gehen. Ich beschäftige mich seit einiger Zeit wieder intensiver mit den ökonomischen und ästhetischen Bedingungen der Produktion von Filmen in unserer Gesellschaft. Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen über diesen Sachverhalt haben eines deutlich gemacht – das Bedürfnis nach einer grundsätzlichen Auseinandersetzung ist gewachsen. Das gesamte Fördersystem wird infrage gestellt. Aber das findet leider zu oft nur im privaten Modus statt. Tabuisierung, Konkurrenz, Missgunst und Höflichkeit verhindern Aufklärung und effektive Zusammenschlüsse und so kann hinter verschlossenen Türen weiterhin munter gekungelt werden. Objektive Kriterien, wie es die Entscheider uns gerne vorhalten, sind nämlich nichts weiter als eine Fata Morgana. Wie sollten sie denn sonst rechtfertigen, dass sie ihren eigenen Interessen folgen. Wenn alle Anträge in eine Lostrommel kämen, unsere Filmkultur wäre nicht unbedingt besser, aber sofort bunter, weil die Entscheider ihre Kontrolle und Einflussnahme nicht mehr ausüben könnten.

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FILMKUNST-KONSULAT-BLOG

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Mit dem Filmkunst-Konsulat will ich nun einen ersten Schritt wagen und Diskussionen anregen. Dabei bin ich besonders auf Artikel von dritten angewiesen. Ich bin kein Journalist, sondern Filmemacher. Ich bin ein Sammler und Jäger im Netz, auf der Suche nach guten Texten. Meine Bitte an Euch: Entdeckt Ihr etwas, dass hierhin gehört, schickt mir bitte die Links. Das Wort „Ich“ und „Wir“ soll auf diesem Blog mit Bedacht Verwendung finden. Weder möchte ich mich hier profilieren, noch im Namen aller sprechen.

TikTok, Instagram, Facebook und Twitter schienen mir aus diversen Gründen nicht geeignet. Meine Moves wären überholt, mit 280 Zeichen etwas sagen, können andere viel besser. Mit dem Thema Filmkunst auf Portalen zu konkurrieren, die ansonsten mit Urlaubsbildern und Aktivitätsberichten protzen, schien mir genauso abwegig. Ich habe mich deshalb für einen Blog entschieden. Destruktive Beiträge können durch den Moderator verhindert werden. Es gibt so etwas wie ein Hausrecht. Aber ich muss hier nicht alleine wohnen. Es kann auch eine WG werden – das hängt von uns ab. Auch wenn es keine Leser oder Kommentare geben sollte, ich werde den Blog betreuen, so gut es geht und die Zeit es zulässt und als eine Art Gegenwartsprotokoll verstehen. So sollte es auch selbstverständlich sein, dass hier nichts redigiert wird. Ich kann aus jeder noch so chaotischen WhatsApp-Nachricht einen Wert ziehen, wenn es auf der anderen Seite tatsächlich eine kommunikative Absicht gibt. Apropos: Wenn ich vom Leser spreche, sind damit immer alle Geschlechter gemeint. Wer in den Kommentaren gendern will, kann das gerne tun.

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FILMKULTUR heute

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In den letzten Jahren haben sich die Filme und deren Finanzierung massiv verändert. Nicht nur sie, sondern auch die Menschen, die Filme machen. Die Filmbranche – auch ein Großteil der Theater und Opern – sind von Staatsknete abhängig. Die Kultur sitzt in einem Boot mit Beamten und dem Heer der Arbeitslosen. Nicht nur den zuletzt Genannten wird etwas zugemutet. Auch die Filmschaffenden werden voll sanktioniert, wenn sie nicht bereit sind Kreide zu fressen. Ihre Projekte würden abgelehnt. Es gäbe kein Geld. Über die Jahre haben sie ihre Visionen (wenn sie überhaupt je welche gehabt haben) den Gremien gegenüber so angepasst, dass sie wirklich denken, dass sie genau das machen, was sie schon immer machen wollten. Das erklärt eine Vielzahl an Filmen, die nichts anderes machen, als die politische Agenda im Land mitzuschreiben. Sie sind im Gegensatz zu den nonkonformen Kollegen, eben reifer und erfahrender geworden – erwachsener und erfolgreicher. Erfolg durch Anpassung. Liebe durch Leistung. Was nicht tötet, macht uns resilient.

Andere versuchen ihr Glück im Crowdfunding, oder hoffen im Stillen, den Jackpot zu knacken oder warten auf ein Erbe, dass vielleicht doch zu spät für den großen Wurf kommt. Netflix und Co weckt Begehrlichkeiten und Hoffnungen, aber deren kleines innovatives Zeitfenster schließt schon wieder. Die Arena ist ausverkauft – das Volk braucht Brot und Spiele, die Filmkunst kommt in den Keller.

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ENTSAFTUNGSMASCHINE UND FILMKUNST

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Wir wollen die Unabhängigkeit der Filmkunst bewahren. Eine Kunst, die auf Bewegung, Raum, Schnitt und Licht basiert, die sich von der Black Box bis zum White Cube erstreckt und entfaltet. Wir grenzen uns bewusst von Bewegtbildern ab, die als reine Dienstleistung entstanden sind. Hierzu zählen nicht nur Werbung und Imagefilme, sondern besonders die diversen TV-Formate. Der dort praktizierte Formatierungswahn hat längst die Filmkunst erreicht und greift massiv in kreative Prozesse ein, weil Film mehr denn je an öffentliche Mittel geknüpft ist bzw. ohne diese nicht realisiert werden kann. Die Agenda des Filmkunst-Konsulats umfasst die Unabhängigkeit des Films und der Filmschaffenden insgesamt. Wenn sich die Filmkunst trotz aller Abhängigkeit und Widrigkeit durchsetzen kann, dann ist das die große Ausnahme von der Regel, ein Betriebsunfall. Wollen wir die totale Unterhaltung? Filmkunst kann, wenn sie will, gut unterhalten. Filmkunst kann, wenn sie will, anstrengend sein. Filmkunst kann noch mehr, wenn man uns lässt.

Seit Jahren arbeiten die bundesweiten Filmförderungen immer enger mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zusammen. Es ist eine gigantische Entsaftungsmaschine entstanden, in der Kreativität von außen nur stört. Die Mutlosen resignieren und ein Heer von Opportunisten aus unserer Mitte hat sich dem Diktat der Zweckmäßigkeit gebeugt und sichert damit, dass die Entsaftungsmaschine ihre Arbeit effektiver denn je verrichten kann. Alle Versuche, diese Entwicklungen aufzuhalten, sind in der Vergangenheit grandios gescheitert.

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STRATEGIEN temporäre Entsagung

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Gehen wir in die Grundsicherung, die uns als „Nichtsystem-Relevante“ sowieso nahegelegt wird. Nutzen wir die Zeit, um eine Strategie gegen das oben genannte ökonomische Erpressungsszenario zu entwickeln.

Wir sollten uns nicht entsolidarisieren lassen, indem der Apparat uns entweder fördert oder ausspuckt. Und warum tun wir es trotzdem? Dieser Prozess ist schon seit einigen Jahrzehnten im Gange. Die aktuelle Corona-Pandemie hat diesem nur eine neue Dynamik verliehen, indem sie die Gefälle innerhalb der Filmschaffenden noch sichtbarer werden lassen. Über das Würdelose der Corona-Hilfen für Kunst und Kultur kann gestritten werden. Besonders, wenn das erhöhte Volumen von Fördermitteln weiterhin in Selektionsprozesse geschüttet wird. Das Prinzip der Konkurrenz ist und bleibt neoliberal. Angst verhindert Solidarität. Wir wissen das und trotzdem beherrscht uns die Angst mehr als die Vernunft.

Weder Künstlern noch Kuratoren kommt es in den Sinn sich dagegen zu wehren. Das Milgrim-Experiment ist Praxis. Ich stelle mich da selbst auf den Prüfstand, weil mir auch nichts Besseres eingefallen ist als diese Mittel stumpf zu beantragen. Der Blog ist der Versuch so etwas wie ein Gegengift zu entwickeln.

Das Dilemma drückt sich nicht in der Notlage von Soloselbstständigen aus, zu denen viele Filmschaffende gehören, sondern in ihrer Erwartung, dass man sie privilegiert behandelt und vor dem Stigma der Grundsicherung schützt. Sie wollen keine Gleichbehandlung, sondern eine Besserbehandlung. Dafür streiten sie. Jetzt ist die Regierung sogar bereit sie durch eine Art „Unternehmerlohn“ ruhig zu stellen und vor Abstiegsängsten zu bewahren. Wer hat denn da nun gespalten? Es ist ein Pyrrhussieg. Warum haben sie sich nicht mit den Schwachen solidarisiert und gemeinsam für eine wirklich menschenwürdige Grundsicherung gestritten? Ich hätte es beinahe vergessen – Kulturschaffende sind ja etwas Besseres und klagen darüber, dass sie nicht systemrelevant behandelt werden. Schnitt.

Sollen doch die akademischen und ökonomisch stets gut abgesicherten Entscheidungsträger in den diversen Gremien und all die emsigen Kuratoren und TV-Redakteure mal selber kreativ werden. Freuen wir uns auf ihre Ergebnisse und ihre Erschöpfung. Wenn sie dann alsbald die weiße Fahne schwenken, gehen wir auf Augenhöhe in neue Gespräche, die dann offener sein dürften. Und sorgen wir endlich dafür, dass es eine berufsbezogene Eignung bzw. Quote für die Besetzung in den Gremien gibt. Wer gibt seine Dissertation schon gern beim Schlachter ab?

Alle, die dieses System wertschätzen, weil sie in ihm gut und gerne existieren können, werden hier vergeblich nach ihren Argumenten suchen. Sie sollten lieber auf Empfänge gehen, den Multiplikatoren den Hof machen, die Förderrichtlinien bis ins kleinste Detail studieren und an den lieben Elevator-Pitch glauben.

Unser Anliegen ist absolut und nicht relativ. Wir sind die, die noch immer an die Filmkunst glauben. You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one. Die Situation ist bestimmt nicht mit uns, aber nichts tun, ist keine Option. Die Analysen der kritischen Stimmen sind im wesentlichen identisch. Der Blog ist ein Anfang diese Stimmen zu synchronisieren und ein ohrenbetäubendes Konzert zu komponieren. Treten wir den unmittelbaren Strukturen und ihrem Personal sperriger und unangenehmer entgegen. Machen wir den zivilen Ungehorsam zu einer Tugend. Die Entscheider müssen spüren, dass es SIE nur gibt, weil es UNS gibt und nicht umgekehrt.

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©2020 | Modus Messiaen – Carsten Aschmann, VG Bild-Kunst