21/07/2021

Under the Influence / Offshore-Kino 4 – Pier Paolo Pasolini

1975 – 117 min. – Salò oder die 120 Tage von SodomPier Paolo Pasolini

Phillysound & Nazismus

Als dieser Film Mitte der 70er rauskam, war ich gerade mal 10 Jahre alt und saß vor einem Radiorecorder in tragbarer Jeanstasche – und nahm mit dem Gerät auf, was die Charts hergaben. Wahlweise Sweet, Kraftwerk, Gloria Gaynor oder 10cc, immer mit der Hoffnung, dass der Radio-DJ nicht ins Lied quatschte. Posthum betrachtet, ließen die damaligen Hits an Diversität nichts zu wünschen übrig, meine Kassetten aus dieser Zeit bezeugen das. Die heutige postulierte Vielfalt mündet derweil in Blasensucht. Im Jahr 1975 war der italienische Film auf seinem Zenit, mit 230 Filmen in einem Jahr. Der obige kurze Ausschnitt aus 120 Tage lässt mich unweigerlich an die Protokolle der Wannseekonferenz denken. Es gibt einen Plan, er wird ausgeführt und keiner wird ihn verhindern. Hier findet die Setzung statt. Ein guter Einstieg, um in den Film hineinzukommen. Am Ende des Films wohnt man dem Gewaltexzess aus der Zentralperspektivische der Täter bei und ist ohnmächtig. Selten lagen Macht und Machtlosigkeit so eng zusammen.

Bahnhofskino als Abstellgleis

Einige Jahre später hatte „Salò oder die 120 Tage“ zudem den Nimbus einer Mutprobe unter uns Jugendlichen, der nicht zu überbieten war. Erst später wurde mir klar: Die Mutprobe steckte eigentlich in der Überprüfung der eigenen Verfassung und Gesinnung. Der Film wurde ins Schmuddel-Kino abgedrängt, auch um ihn kulturell zu entwerten und dann befand sich 120 Tage in einem Tabu-Rennen mit sämtlichen Spielarten von Horror-Filmen – und das bis heute! Wie sollte ich als Jugendlicher verstehen, dass es sich um einen Film der Aufklärung handelte, der die absolute Entfaltung von Macht zum Thema hatte. Dieser Film war eine Analyse über Herrschaftsverhältnisse und für diesen Zweck baute er eine bis ins Detail geplante Oberfläche. Keine Psychologie, sondern konkrete Abbildung und Wiedergabe, keine Ausreden. Du siehst, was Du bekommst. A Serbian Film von Srdjan Spasojević aus 2010 sollte nun, laut einschlägiger Foristen, die Wachablösung sein. Doch dort ist das Politische nicht mal in Spurenelementen vorhanden und eine diffuse Filmstruktur bzw. wenig reflektierte Filmsprache tut ihr Übriges. Das ist Film-Limbo. Ihr könnt gerne mal selber unter dieser Stange durchtanzen. Die 120 Tage war nie ein B-Movie. Man kann über den Film klug sprechen und gut aussehen oder äußerst dumm und ohne Stil sein, wie es hier vier ältere Männer exemplarisch beweisen.

Leidenschaft, Scheiße & Blut

Die Erzählstruktur lehnte Pasolini frei an Dantes „Göttliche Komödie“ an, in drei Überschriften unterteilt: der Höllenkreis der Leidenschaft – der Höllenkreis der Scheiße und der Höllenkreis des Blutes. Ich kannte Dante nicht, als ich den Film das erste Mal sah. Aber allein die Überschriften machten deutlich, dass es zum Ende des Films immer schlimmer kommen würde. Dieser Film brauchte keinen besonders gut informierten Zuschauer oder Bildungsbürger. Noch heute gilt (für mich) – der Film kann von allen verstanden werden. Wahrscheinlich war das auch ein Grund, warum viele diesen Film verbieten wollten. Es hätte eine Überdosis an Selbsterkenntnis darin stecken können, eine Vergiftung drohte. Kein System will unnötig Widerstand. Stattdessen: Natürlich wollte niemand Faschist sein, und alle waren der Meinung, dass nur Faschisten ein solches „Machwerk“ sehen wollten. Clockwork Orange von Stanley Kubrick hatte eine ähnliche Debatte nach sich gezogen, auch weil die Filmästhetik hier richtig poppte. Die 120 Tage war auf das Notwendige reduziert, und viel weniger manipulativ, aber an den richtigen Stellen noch viel unbequemer. Der Exzess im Finale beinhaltet auch eine Zivilisationskritik, weil in ihm der Kannibalismus unserer Gattung Mensch deutlich wird. Eine Form der Selbstverschlingung, die indirekt im Neoliberalismus zu beobachten ist. Eine Gewalt ohne prägnanten bzw. erkennbaren Sadismus, die Menschenverachtung wird ins Ökonomische delegiert. Auch die heutigen Täter sitzen, wie oben erwähnt, in einer Villa oder in Davos, abgeschirmt und beschützt von den Folgen ihrer Entscheidungen. Bei soviel Ungemach, blieb in 120 Tage für mich nur der eine Held übrig. Er leistet im Film mit erhobener Faust Widerstand, hatte vorher noch Sex und wird dafür sofort erschossen, weil er Selbstermächtigung verkörpert. In dieser Szene verspürte ich einen antifaschistischen Impuls in mir. Vielleicht ist es aber nur ein Impuls, der meiner Ohnmacht entsprang. 1977 forderte uns Hans-Jürgen Syberberg mit „Hitler, ein Film aus Deutschland“ ganze vier Stunden heraus. Wieder wetterten viele, weil der Film (oder besser das Bühnenstück) eine Verbindung zum Zuschauer aufnahm, ohne Didaktik und Pädagogik. Unser Land ist und bleibt eine große Erziehungsanstalt, ist dem libertären Paternalismus verschrieben. Aber Nudging ist unverdächtig, vernünftig, weltweit verbreitet.

„Salò“ oder „Nacht und Nebel“ ?

In der Schule zeigten sie „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais. Wir Schüler hatten entweder gelacht oder geweint. Einige waren wirklich schockiert und andere machten einen auf Betroffenheit, um eine gute Zensur abzugreifen. Hier war schwarze Pädagogik am Werk. Alle von uns, die sich gegen die Schuldübertragung wehrten, haben die „Gnade der späten Geburt“ für sich in Anspruch genommen und waren in den Augen der anderen Unmenschen. Es gab keine kritische Auseinandersetzung mit „Nacht und Nebel“. Der Film war nichts als die reine Wahrheit, so wahr uns Gott helfe und kein Propagandafilm. Hier setzte die Medienkompetenz der Lehrer rigoros aus. Einmal 120 Tage in der Schule hätte mehr gebracht als 120 Mal Bergen-Belsen. Erst mit 45 wagte ich mich nach Buchenwald, erst danach kam Bergen-Belsen dazu, obwohl es doch vor den Toren Hannovers liegt. Das Gedenken wird erstickt in einer Informationsflut. Stundenlange Leidensgeschichten auf X-Monitoren in ultramoderner Architektur. Materialberge von Schuhen und Koffern, so präsentiert und angehäuft, als wäre man Besucher auf einer Documenta in Kassel. Eine Überforderung für den Besucher, eine Erinnerungskultur, die zu einer stark subventionierten Kulturindustrie geworden ist. Und es ist nicht ein Kranz auf dem ganzen Gelände zu finden, dass der Asozialen gedenkt. Echt woke Leistung. Diese Gruppe hat bis heute keine wirkliche Lobby. Der ZAID, der sich 2015 gründete, wurde letztmalig 2018 aktiv. Es ist zu befürchten, dass er nicht mehr aktiver wird.

Geschichte und Gegenwart

Eine Erinnerungskultur, die in Museen und Gedächtnisstätten verkapselt ist, lässt uns glauben, dass die Probleme aus dem dritten Reich besiegt sind und uns automatisch vor der Zukunft schützen. Wir leben doch in einer stabilen Demokratie, immer begründet mit einem Blick Richtung Osten. Da sind unsere Gegner, die wir nun laut Politik bekämpfen müssen, notfalls mit einem Händeschütteln und einer diplomatischen Fußnote im neuen Handelsabkommen. Mit diesem Verweis auf Diktaturen ist eine Überprüfung unserer Verfasstheit überflüssig. So argumentieren die Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft. Uns geht es doch gut! „Ein Land, in dem wir gut und gerne leben.“ Was nicht passt, wird passend gemacht. Das Grundgesetz in Karlsruhe wird den Bedürfnissen der Parlamentsbeschlüsse angeglichen und schon ist das Verfassungswidrige vor unseren Augen verschwunden. Das ist Magie. Die zurückliegenden Krisen haben aber gezeigt, dass unsere Demokratie ein Wackelkandidat ist, bzw. sich Rolltreppe abwärts befindet. Mit der bürgerlichen Restauration, Hartz IV, Deregulierung des Finanzsektors, internationalen Handelsabkommen, Flüchtlingskrise, Klimawandel und Pandemie nimmt die Sache in Richtung Verteilungskampf stetig Fahrt auf. Es gibt Besitzstandswahrung in fast allen Schichten dieser Gesellschaft. Sie haben Angst ihren Wohlstand und sozialen Status zu verlieren. Genau diese Klientel ist anfällig für demokratiefeindliche Entwicklungen. Sie tragen jede politische Agenda mit, auch wenn sie selbst davon nicht überzeugt sind. Das Zeigen auf die Abgehängten, wenn es um Nationalismus oder Rassismus geht, ist eine Nebelkerze dieser bürgerlichen Fürsprecher. Sie sind die eigentlichen neoliberalen Treiber. Die Machtlosen oder Statuslosen werden zunehmend ausgegrenzt. Es soll keinen Dialog mehr mit ihnen geben. Das ist keine Lösung, sondern Ablenkung. Ohne Dialog haben Blasen ein ungehindertes Wachstum. Es kann doch jeder seine Meinung sagen, ist immer wieder zu hören. Aber mit welchen Konsequenzen? Wir sind auf einem Weg der vielfachen Erpressung von Individuen durch ökonomische Strukturen, die sich schon längst von der Meinungsfreiheit bzw. Demokratie emanzipiert haben. So wird die freie Meinung zur Armutsfalle und zur Selbstschuld. Ist das jetzt alles pure Kybernetik, ist Faschismus auch ein Selbstregulativ? Viele erkennen hierin keinen Totalitarismus, sondern eine Verbesserung des Menschen im Allgemeinen; als einen Schubs das Richtige zu verstehen und zu befolgen, auch wenn damit eine Selbstzerstörung einhergehen sollte. Der Clou ist, dass nun jede Gruppe für ihre eigenen Rechte kämpft und ein gemeinsamer Widerstand in weite Ferne rückt. An einem Tag gehen sie auf eine Demo für LGBT und am nächsten Tag rufen sie selbst die Polizei, weil ihre Eigentumswohnung gegen Gegner der Gentrifizierung geschützt werden muss. Vielleicht ist demnächst die Partnerwahl schon ein rassistischer Akt. Und selbst in den Gruppen zerfällt hinter den gemeinsamen Nenner alles in Partikularinteressen. Jeder ist sich selbst der nächste und jeder auch noch so minderbegabte Katastrophenfilm beinhaltet das „Rette sich, wer kann“. An dem Punkt könnte doch jeder erkennen, dass wir in einem Boot sitzen.

Türöffner für Diskurse über gesellschaftliche Entwicklungen

Und was hat das nun mit „Salò oder die 120 Tage von Sodom“ zu tun? Die Aktualität des Films besteht darin, dass er zeigt, dass der Ausfall von kollektivem Aufbegehren nur autoritären Strukturen zugutekommt. Es nützt nichts, dass sich die Opfer der Situation mit ihren Peinigern verbünden. Es wird nur schlimmer. Bruno Bettelheim hat dazu ein lesenswertes Buch geschrieben: „Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Extremsituation.“ Es war das Ergebnis seiner Erfahrungen in einem Konzentrationslager. Das Buch war starker Kritik ausgesetzt, aber man sollte seine Analyse mindestens einmal gelesen haben. Das Dilemma kann nicht mit einer Moral von Gut und Böse überwunden werden, denn die sind in der Macht austauschbar. Denken wir die 120 Tage weiter und fügen ihm einen „Höllenkreis der Ökonomie“ hinzu. Es gibt einen anwendbaren Universalismus und Schlüssel im Film, der viele Türen aufmacht, und der mich bis zur aktuellen identitären Linken bringt, wenn ich denn will. Die 120 Tage haben einen in mir tief verwurzelten anti-autoritären Komplex aufgewühlt. Wenn diese Renitenz als Asozialität wahrgenommen wird, dann sollte klar sein, in welcher Zeit wir leben. Deshalb ist der Film für mich so wichtig. 120 Tage ist und bleibt radikal. Wer noch mehr Informationen zum Film hören will, dem sei der Vortrag von Klaus Theweleit empfohlen.

Apropos: 2009 war ich am Gardasee. Ein Urlaubsort und Sehnsuchtsziel für Deutsche. Wir fuhren auch durch den Ort Salò, an dem Mussolini 1943 die italienische Sozialrepublik ausrief und diesem Film seinen Namen gab. Ein schöner Ort und ein Schnitt ins Fleisch bis zum Knochen.

©2008 Text & Bildrechte | Carsten Aschmann, VG Bild-Kunst, Motiv: Gardasee

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