23/11/2020

Die Apokalypse der Filmkultur

Das Ende ist nah! Echt jetzt – kein Witz!

Ist der Untergang der Filmkultur wirklich so dramatisch, wie es der Titel uns nahe legen will? Nur ein Traum, ein Tagtraum, ein Gejammere oder doch die Zukunft? Seit Jahren gibt es einen Downgrade an Bedeutung für die jüngste Disziplin der Kunst. So schlimm wird es schon nicht kommen. Kernspaltung ist effizient und die Filmkultur ist ein Zeitvertreib. Strenggenommen gilt das genauso für die Welt der Arbeit. Die meisten merken nicht, dass die Filmkultur verschwindet – vor unseren Augen – eine jahrzehntelange Beerdigung, ein Echtzeit-Drama. Und wenn Netflix verdrängt wird, kommt das und dann das und immer so weiter. Es geht immer weiter. In der Automobil-Branche ist es ein Fortschritt, wenn aus Diesel Wasserstoff wird. Aber wie ist das, wenn aus „2001: A Space Odyssey“ „Advengers: Endgame“ wird? Kulturelle Evolution ist komplizierter und nicht zwingend vorwärts gerichtet.

Filmkritik wird eingedampft

Vorbei die Zeit als fast alle Tageszeitungen noch Kritiken schreiben ließen. Jetzt gibt es Film vorrangig nur noch als Veranstaltungstipp. Filmkritiker schwangen sich in ihrer Hochzeit zu Filmtheoretikern auf, jetzt sind sie nur besser bezahlte Lay-Out-Kräfte. Heute werden Kritiken von einer Schreibkraft erledigt und in der Presse portalübergreifend veröffentlicht. Film wird nicht mehr in der Breite historisiert. Die Foristen tun es, bleiben aber unter sich. Philosophen wie Slavoj Zizek oder Gilles Deleuze springen ein, um die Lücke zu füllen, die Cahiers du cinéma hinterlassen hat. Die Standardwerke von Metz, Arnheim und Karkauer liegen weit zurück. Letzte deutsche aktuelle Versuche wie Revolver sind marginal und erinnern in der Reichweite an Festivals, die ihre Pressekonferenzen streamen und auf YouTube ablegen. Die Klickzahlen bewegen sich im zwei bis dreistelligen Bereich. Ich schildere das hoffnungsloser und schlimmer als es wirklich ist. Wir sind nicht tot, sondern nur im Rollstuhl. Alles was sich außerhalb des Marktes bewegt, ist im Grunde ein Hobby. Die Achillesferse des Films ist und bleibt Geld. Die Technik wird zwar immer besser und günstiger, aber sie gibt uns keine Zeit, noch ermöglicht sie kollektive Zusammenarbeit. Im ersten wichtigen Leben, wo das Geld verdient wird, so das Narrativ, gibt es maximal Siegerkunst, wie es Wolfgang Ullrich nennt. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Erzählung und Ideologie?

A-Festivals verlieren Deutungshoheit

Die Preisgewinner der Festivals kommen nicht mehr in die Kinos. Trotzdem gibt es immer mehr Filmfestivals, die ins Leben gerufen werden und noch mehr Filme, die auf eine Auswertung warten. Im Kurzfilmsektor explodieren die Zahlen noch mehr. Man könnte von einer Pandemie sprechen. Und dazu gesellen sich noch mehr Preise und trotzdem Bedeutungsverlust. Selbst Blockbuster füllen die Kinos nur spärlich. Im Netz werden zudem allein auf YouTube in jeder Minute 72 Stunden Videomaterial hochgeladen und 4 Milliarden Stunden Bewegtbilder werden jeden Monat konsumiert. Das verschärft die Situation, weil unsere Aufmerksamkeit am Tag auf 24 Stunden begrenzt ist. In der Summe löst das vielfältige Kettenreaktionen aus, wie es Reinhard W. Wolf über viele Jahre beobachtet. Er hat akribisch Statistiken ausgewertet, um seine prekären Thesen über die Filmkultur zu untermauern. Auch der schleichende Analphabetismus in der Filmkultur macht eine andere wichtige Gruppe zu einer aussterbenden Art. Der Cineast bewahrte und entwickelte das kulturelle Erbe des Films. Heute ist es selbst Filmschaffenden wichtiger, die kulturellen Befindlichkeiten zu bedienen als die Geschichte des Films zu kennen und die Sprache zu verstehen, mit der sie am Rande der Bewusstlosigkeit arbeiten. Mittlerweile ist es auch vollkommen egal, ob ein Dokumentarfilm, wie ein Spielfilm aussieht oder ein Spielfilm wie ein Imagefilm. Eine intensive hybride Durchdringung der Genres, wie sie von Regisseuren wie John Cassavetes und Werner Herzog vorangetrieben wurde, wird gründlich missverstanden und als Freibrief benutzt. Das alles führt dazu, dass die jungen Menschen, die Film studieren, erfolgreich die eigene intellektuelle Verzwergung betreiben. Mir würde ein eigener Stil schon reichen, anstelle des postmodernen Halleluja.

Wo bleibt der Prinz*in auf dem weißen Schimmel*in?

Und als wenn das alles noch nicht traurig genug ist, die Filmschaffenden finanzieren sogar die Geschäftsmodelle dritter ohne selbst daraus ein Vorteil ziehen zu können. Bedingt durch die Aufmerksamkeitsökonomie sind Filmemacher bereit wider der Vernunft zu handeln. In Berlin gibt es um die 100 Filmfestivals im Jahr. Es sollte doch allen klar sein, dass die Bedeutung der meisten Festivals gen Null tendiert. Aber es gibt den undurchsichtigen Organisatoren und Jurys dieser Festivals ein Betätigungsfeld, um Geld zu machen – ohne vernünftigen Gegenwert.

So schreibt eine Filmemacherin über das Berlin Independent Filmfestival: „Ich gehe davon aus, dass die Organisatoren von den hohen Eintrittsgebühren profitieren wollen und versuchen so wenig Geld wie möglich für die Vorführungen auszugeben. So wurde es nirgendwo beworben. Die sogenannten „Workshops und Networking Social Events“ fanden nicht statt und die „Eröffnungsparty“ bestand aus zwei Organisatoren und einigen ihrer privaten Bekannten, die eine Stunde zu spät in einer Bar auftauchten. Nur die Filmemacher und unsere Freunde – wurden in den Haupteingang gelassen. Das Publikum musste draußen in der Kälte warten. Schließlich tauchte ein mürrischer Angestellter auf, der an einer Tüte Popcorn knabberte und uns in ein stinkendes Hinterzimmer mit etwa 20 Sitzplätzen führte. Eigentlich ziemlich komisch, aber nicht gerade 60 € wert.“

Die Praxis aus den USA, nämlich Einreichgebühren zu erheben, hat sich auch in Deutschland längst durchgesetzt mit bekanntem Ergebnis.

Tipp 1: Wenn es um Glücksspiel (Manipulation inbegriffen) geht, immer selbst die Bank machen. Tipp 2: Nichts zahlen. Tipp 3: Nichts einreichen. Tipp 4: Eitelkeit besiegen. Tipp 5: Solidarisieren! Tipp 6: Weiterlesen! Tipp 7: Versucht die globalen Einreich-Plattformen, wie z.B. Filmfreeway, so oft es geht, zu meiden. Sie treiben die Bewerberzahlen nur in die Höhe, damit der Teufel, später auf den größten Haufen kacken kann. Tipp 8: Präsentiert eure Filme selber. Geht wieder direkter auf kleine Kinos zu. Bevor ihr euer Geld für unseriöse Festivals ausgebt, gebt es für die kleinen Kinos aus. Mietet es mit anderen Filmschaffenden zusammen und zeigt eure Programme. Dann laufen eure Filme garantiert. Und ihr müsst euch nicht mehr den Auswahlkommissionen ausliefern. Wir reden hier nicht über die Qualität der Filme – wer kann und will das wirklich begründen? Qualität wird durch Interessen definiert. Wir reden über Kulturpolitik und nicht über Rohstoffe. Speist euch wieder selbst in die Kultur ein und lasst euch nicht mehr von Kuratoren aussortieren und Fake-Festivals melken. Tipp 8: Reicht auf den Festivals ein, wo ein Preis Bedeutung hat und euch persönlich und monetär weiterhilft.

Ich hoffe, dass es irgendwann ein Ampelsystem oder Label gibt, das schnell und effektiv die Festivals evaluiert. Ein letztes Mal will ich auf einen Artikel von Reinhard W. Wolf aus dem Jahr 2009 hinweisen, indem es einen Versuch in dieser Richtung gab. Ich bin gespannt, wie die Filmkunst diesen Kulturdarwinismus überlebt.

Die Apokalypse der Filmkultur – es wird eine Forstsetzung geben.

Bild oben ist ein Werk der Bundesregierung der USA und ist gemeinfrei. / ©2020 Text Carsten Aschmann

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