14/12/2020

UWE BOLL – Ich bin das Gesetz

Ihr könnt mich mal! – War nicht so gemeint!

Die Frage liegt auf der Hand: Was hat Uwe Boll mit Filmkunst zu tun? Der Grund für meine Beschäftigung mit ihm, ist ein Interview, dass er der Welt im Oktober 2020 gab. Dort sagt er: „Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff kriegen, dann kriegen wir die Migration nicht in den Griff, und wenn wir die Migration nicht mehr im Griff haben, dann könnten in Europa die Faschisten regieren, noch bevor uns der Klimawandel umbringt.“

Da beschreibt er in einem simplen Dreisatz, ein Denken, dass auf das Notwendigste reduziert wird und zumindest kurzfristig Klarheit und Übersicht schafft. Eine vage Hoffnung auf eine kritische Allianz mit Boll keimte auf, aber mit ihm ist leider kein Staat zu machen. Nach der markigen These müsste es unbedingt differenzierter weitergehen und die Frage nach den Verantwortlichen muss gestellt werden. In der Formel von Boll bleiben sie aber einfach rausgerechnet. Der Einfluss der Faschisten auf transnationale Konzerne und Märkte ist nämlich marginal.

Boll in der Welt weiter: „Wir schlittern da gerade in eine Katastrophe rein, und irgendwie scheint das niemand zu sehen.“ Doch, doch, lieber Boll, das sehen viele andere auch. Seine Gegenmaßnahme – er will Deutschland mit einem Film aufrütteln. In „Deutschland im Winter“ soll eine dystopische Zukunftsvision gezeigt werden, in der die Rechten in Deutschland an die Macht gekommen sind. Im Land der politisch Korrekten rennt er damit nur offene Türen ein. „Ein radikaler Film, in dem es keine Guten mehr gibt“, sagt Boll. Also, alle sind scheiße? Das wäre doch was! Dafür würdest Du, lieber Boll aber kein Geld bekommen, zumindest nicht in Hamburg – in einer Welt, in der alle böse sind, sind Vorurteile ein unerlässlicher Treibstoff. Kein Pädagogik-Zeug, kein Film mit Sorge und Verständnis, sondern wieder voll in die Fresse, lässt Boll die Welt noch wissen.

Ich habe nicht einen einzigen Film von Boll gesehen. Kann so bleiben, muss aber nicht. Aber um mich zu legitimieren, habe ich sein autobiografisches Buch „Ihr könnt mich mal“ gelesen und sogar seine Dissertation „Die Gattung Serie und Ihre Genres“ aus der Uni-Bremen organisiert.

Nach ausgiebiger Lektüre und einigen YouTube-Schnipseln kann ich leider nichts wirklich Radikales in ihm entdecken. Man darf sich nicht von seiner undiplomatischen Art blenden lassen. Sie ist zunächst wirklich erfrischend. Kritiker vermöbeln und Publikum beschimpfen, ist per se okay und auch mal nötig. Alles wirkt geradeaus. Die Filmförderung wird zu Recht attackiert. Klingt nach einem potenziellen Bündnispartner für eine lebendige Filmkultur. Man darf sich auch nicht von der Stigmatisierung seiner Person durch das Establishment blenden lassen. In seiner Autobiografie steht oft, dass sich im Filmgeschäft alles nur ums Geld dreht. Doch für Boll dreht sich auch alles nur ums Geld. Boll beschwert sich über die Stars, die geldgeile Huren sind, besonders wenn sie für ihn nicht verfügbar und bezahlbar sind. Alles Fotze im Film. Er ist das Richtige im falschen Leben. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Welt für Boll in Ordnung wäre, wenn ihn alle so lieben würden, wie er sich selbst toll findet.

An einer Stelle im Buch sagt er, dass man Leuten, die Tiere quälen, in den Kopf schießen sollte. Dieser Mann soll ein Bollwerk gegen den Faschismus sein, weil er kurzen Prozess macht? Diese bipolar gestörte Dialektik kann man im ganzen Buch verstreut entdecken. In seiner Dissertation wiederum hat er wesentliche Erkenntnisse von Dritten übernommen und glänzt dort mehr als Erbsenzähler. So richtig genaue Anstrengung will Boll nicht, ist ja irgendwie mühselig – eigene Gedanken entwickeln. Als Student pumpte er lieber im Fitness-Studio. Vielleicht verhält es sich mit seinen Filmen ähnlich. Er spricht von den ganz großen Regisseuren dieser Welt in seinem Buch. Er weiß, gefühlt alles über Film, doch die wichtigen Festivals dieser Welt sehen dieses Wissen nicht in seinen Filmen. In der Tat ist es schwieriger einen guten Film zu machen, als einen guten Film zu posten. In dieser aktuellen Verfassung ist Boll nur korrektes Kanonenfutter für den linken Mainstream. Er trägt sein Herz nicht auf der Zunge, sondern in der geballten Faust. Als er im Boxring Kritiker verprügelte, war das schon eine Idee mit langem Bart.

Fazit: Die ganz oben genannte Formel ist ein Akt der Anbiederung. Boll will gar nicht die Welt retten, sondern zurück ins Filmgeschäft. Das ist alles. Er verfügt über keine besondere Integrität, die aufgrund des Buches erhoben werden könnte, er hat es ja selbst geschrieben. Das Buch hat zweifelsohne Qualitäten, immer dann, wenn Boll die Mechanismen des Filmgeschäftes aus persönlichem Ärger denunziert und die Leute mit Dreck bewirft. Ein Film von ihm im Wettbewerb der Berlinale ist unvorstellbar, aber Netflix, da geht was. Hau rein, Boll!

©2020 Text & Bildrechte | Carsten Aschmann, VG Bild-Kunst

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.